OPMOPS: Organisierte Umzüge und Demonstrationen im Öffentlichen Raum: Planung und Krisenmanagement bei hohem Konfliktpotenzial in Städten

Die Teilnahme an öffentlichen Demonstrationen und Kundgebungen sowie an langfristig geplanten Veranstaltungen wie Karnevalszügen und Musikparaden ist Ausdruck einer freiheitlichen und offenen Gesellschaft. Der Schutz solcher Versammlungen, die Unversehrtheit der Teilnehmer und die Erhaltung der öffentlichen Sicherheit sind Herausforderungen für Ordnungskräfte und Veranstalter. Das deutsch-französische Gemeinschaftsvorhaben erarbeitet eine digitale Entscheidungshilfe, um Großveranstaltungen sicherer zu gestalten. Eine dreidimensionale Visualisierungssoftware analysiert das Geschehen in Echtzeit, errechnet Situationsprognosen und leitet Empfehlungen beispielsweise zu Personaleinsatz, Routenführung und Notfallplanung ab. Rechtliche Aspekte fließen von Beginn an in die Entscheidungsfindung ein und stellen die Angemessenheit der Handlungsoptionen sicher.

Viele Leute bei der friedlichen Demonstration

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Interview mit Frau Prof. Dr. Gerta Köster

Prof. Dr. Gerta Köster

Prof. Dr. Gerta Köster,
Hochschule München

Johanna Weber, Hochschule München

bmbf.de: Frau Köster, in den Verbundprojekten S²UCRE und OPMOPS simulieren Sie die Bewegungsdynamik von Menschenmengen auf Großveranstaltungen, um deren Sicherheit zu erhöhen. Um welche Risiken geht es hier genau und wie können mathematische Simulationen dabei helfen, diese zu reduzieren?
    

Ich möchte mit Beispielen antworten. Im Projekt S²UCRE haben wir – gemeinsam mit allen Projektpartnern – die Menschenmengen während des Hafengeburtstags Hamburg beobachtet. Zu den Landungsbrücken an der Promenade führt von der S-Bahn eine einzige Brücke mit Treppenabgängen. Diese potenzielle Gefahrenstelle wollten die Veranstalter in den Blick nehmen. Mit Simulationen können wir beobachten, wie eng es werden kann, bevor es dann wirklich eng wird. Der S²UCRE -Demonstrator zeigt hohe Dichten rot an. Wir blicken sozusagen ein Stück in die Zukunft. Unser Job in S²UCRE war, die Simulationen der Besucherströme so zu beschleunigen, dass man auch noch rechtzeitig handeln und z.B. eine S-Bahn durchfahren lassen kann, bevor es so eng wird, dass die Menschen stecken bleiben, womöglich Angst bekommen, oder dass man Hilfsbedürftige nicht mehr erreichen kann.  
Bei OPMOPS wollte die Polizei in Kaiserslautern etwas ganz Anderes wissen. Es ging um kooperatives und nicht kooperatives Verhalten bei Demonstrationen. Wir haben z.B. untersucht, wie und wie schnell ein Helfer sich durch eine dichte Menschenmenge zu einem Verletzten drängen kann, wenn die Menge „mitmacht“ oder eben nicht. Wichtig ist auch, genügend Platz für die Veranstaltung zu haben. Wie lang wird ein Demonstrationszug, wenn statt der geplanten 1.000 nun 10.000 Demonstranten kommen? Was ist, wenn man eine Gegendemo umlenken muss, damit die beiden Seiten sich nicht begegnen? Daran arbeiten wir gemeinsam mit Mathematikern der TU Kaiserslautern.  
  
Sind Angst oder auch spontanes Hilfeverhalten und Gruppendynamiken in Notlagen mit vielen Beteiligten nicht höchst individuell und unberechenbar? Wie berücksichtigen Sie solche Faktoren in den Simulationen?
    

Die Psychologen sagen uns, dass man egoistisches oder irrationales Verhalten selbst bei Menschen, die um ihr Leben fürchten, kaum beobachtet. Gegenseitige Hilfe – sogar unter großem persönlichen Risiko – ist die Norm. Die Leute achten aufeinander und passen ihr Verhalten an. In OPMOPS untersuchen wir deshalb, wie unterschiedlich Menschen auf das Verhalten Dritter reagieren, je nachdem ob sie diese als fremd oder vertraut empfinden. Wir haben dazu eine Kooperation mit dem Crowd-Psychologen John Drury der University of Sussex, mit dessen Hilfe wir typisches Fluchtverhalten in unsere Simulation einbauen. Wenn ich z.B. einen lauten Knall höre und jemanden rennen sehe, laufe ich dann hinterher? Das hängt ganz stark davon ab, ob ich diesem Menschen vertraue oder ihn als Bedrohung empfinde.
  
Beide Projekte sind deutsch-französische Kooperationen. Welche Vorteile bietet ein Blick über die Landesgrenzen beim Thema Veranstaltungssicherheit?
     

Die deutsch-französische Kooperation erlaubt uns, über den eigenen Tellerrand zu sehen. Selbst innerhalb Europas gehen wir sehr unterschiedlich an dieselben Probleme heran. Ich sehe den Hauptnutzen hier für die Praktiker im Projekt, die noch mehr als alle anderen voneinander lernen. Als Beispiel: Frankreich empfinde ich als stärker hierarchisch organisiert. In mancher Situation schafft das Klarheit, es kann aber auch hinderlich sein, wenn man ungewöhnliche Wege gehen will, die in einer straffen Struktur nicht vorgesehen sind. Z.B. kann man bei einer Demonstration nicht nur Polizei, sondern auch freie Ordner oder Feuerwehrleute einsetzen. Mit diesen kooperieren die Demonstranten häufig bereitwilliger. 
   
Vor kurzem jährte sich die Katastrophe bei der Loveparade 2010 zum zehnten Mal. Wie hat sich die Forschung seither entwickelt, wie tauschen sich verschiedene Forschungsgruppen untereinander aus, und was können Ihre Projekte Neues beitragen?
    
Die Forschung an „Crowd Dynamics“ ist seit 2010 enorm gewachsen. Sie ist immer noch vergleichbar klein, aber kein Nischenthema mehr. Was mir besonders gefällt ist, wie interdisziplinär die Szene geworden ist. In S²UCRE haben wir Psychologinnen der Beraterfirma Team HF, in OPMOPS Soziologinnen der TU Kaiserslautern an Bord, die uns Feedback und Fokus geben. Aus meiner Sicht als Informatikerin gibt es zwei Hauptresultate aus der letzten Dekade intensiver Forschung: Die Modelle für Personenströme sind viel schneller und leichter zu handhaben geworden. Das liegt auch daran, dass sich die Forschergruppen untereinander besser kennen. Vor allem aber sind die Modelle realistischer. Das heißt, wir können die gemessenen Daten vergleichen und bekommen in vielen wichtigen Fällen sehr zuverlässige Übereinstimmung. All das erhöht die Akzeptanz, so dass immer mehr Planer auch wirklich vor dem Event simulieren lassen. Damit sinkt das Risiko, eine zweite Love-Parade wie in Duisburg erleben zu müssen.
   
Wie und vom werden die Ergebnisse der Simulationen in der Praxis angewandt?
   

Wenn heute ein Museum oder ein Bahnhof gebaut wird, gibt es auch ein Ingenieurbüro, das über Simulationen die zukünftigen Personenströme untersucht. Als Professorin an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften – der Hochschule München – ist mir enorm wichtig, dass meine Algorithmen auch Verwendung finden. Unsere eigene Simulationssoftware Vadere ist deshalb frei und offen: „open source“. Mein Team und ich arbeiten zudem sehr eng mit einem jungen Münchner Unternehmen für Crowd Simulation zusammen: accu:rate. Unsere Algorithmen haben so z.B. geholfen, die Fluchtwege in Schloss Neuschwanstein und die zweite Münchner Stammstrecke am Hauptbahnhof zu planen.

Bei den „Black lives matter“-Demonstrationen im Juni und den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen im August versammelten sich mehrere tausend Menschen. Wie können Großdemonstrationen aus Ihrer Forschungsperspektive auch in Pandemiezeiten sicher durchgeführt werden?

Aus Forschungssicht müssen wir unbedingt besser verstehen, wie die Infektion sich wirklich ausbreitet – z.B. bei einem Super-Spreading-Event. Die schlichte Annahme, dass ein Abstand von 1,5m automatisch Sicherheit bedeutet, genügt dafür kaum. Mit unseren Simulationen, die Fußgängerverhalten abbilden, können wir Hypothesen viel genauer durchspielen: Was passiert z.B., wenn Partygänger durch eine stehende Aerosolwolke voller Viren laufen? Wenn wir das verstehen, können wir auch wirksamere lokale Maßnahmen vorschlagen. Ich möchte das unbedingt anpacken.
In der Zwischenzeit müssen wir sicherstellen, dass die Abstandsregeln überhaupt eingehalten werden können. Auch dabei helfen Simulationen. Gemeinsam mit unserem Wirtschaftspartner accu:rate haben wir Social Distancing erfolgreich abgebildet. Das heißt, unsere virtuellen Fußgänger bemühen sich nun 1,5 m Abstand zu halten. Seitdem ist unser Simulator Vadere unter den ersten Google-Hits wenn man „pedestrian simulation“ eintippt. Wir bekommen regelmäßig Fragen aus aller Welt von Forschern, die z.B. untersuchen, ob in ihrem eigenen Gebäude genügend Platz ist und wo kritische Stellen sind.
Frau Köster, wir danken Ihnen für das Gespräch!
 

Weiterführende Informationen zum Verbundprojekt

Förderkennzeichen 13N14561 bis 13N14565

Projektlaufzeit 09/2017 – 05/2021

Projektumriss OPMOPS (pdf-Datei)