Normung und Standardisierung in der zivilen Sicherheitsforschung

Die wirtschaftliche Bedeutung von Normung und Standardisierung ist unbestritten. Sie kann zur Öffnung von Märkten, zum Technologietransfer sowie zu einer Deregulierung in der technischen Gesetzgebung beitragen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt daher im Rahmen des Programms „Forschung für die zivile Sicherheit“ die frühzeitige Berücksichtigung von Normungs- und Standardisierungsfragen in Forschungsprojekten.

Computertastatur mit dem SChriftzug Normen

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Nur wer sich ausreichend mit dem aktuellen Stand der Technik auskennt, kann gut einschätzen, ob und inwieweit die in einem Forschungsprojekt erarbeiteten neuen Lösungen kompatibel sind mit bestehenden und am Markt etablierten Produkten, Dienstleistungen und Systemen. Normen setzen im Allgemeinen Mindestanforderungen, die als Stand der Technik für Rechts- und Haftungsfragen bedeutsam sind. So können beispielsweise Demonstratoren, die im Rahmen von Forschungsprojekten erarbeitet worden sind, erst in geeignete Produkte überführt werden, wenn sie die passenden Marktstandards erfüllen.

Die Erfüllung von Normen und Standards sind nicht nur von großer Bedeutung für die Vermarktung von innovativen Produkten, sondern auch maßgeblich für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Denn diese sind angehalten, etablierte nationale Standards und Dienstvorschriften bei der Beschaffung zu berücksichtigen.

Da Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten über den aktuellen Stand der Technik hinausgehen, wird oft erst im späteren Projektverlauf ersichtlich, wo für bestimmte Sachverhalte und innovative Themenfelder noch Normen fehlen oder wo bestehende Standards nicht auf die neuen Entwicklungen anwendbar sind. Dabei kann es sich um neue Begriffe und deren Definitionen, um Schnittstellen zwischen Systemkomponenten, Anforderungen an neue Prüfverfahren oder neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle handeln. Entsprechend müssen Normungsbedarfe genau identifiziert werden.

Innovationsprozess und Phasen der Normung und Standardisierung

Innovationsprozess und Phasen der Normung und Standardisierung

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Ansätze für zukünftige Normen können im Rahmen von Forschungsprojekten ausgearbeitet und zum Beispiel in Form von nationalen Standards – wie z.B. sogenannten DIN SPECs – veröffentlicht oder in bestehende Normungsgremien eingebracht werden.

DIN SPECs werden in der Regel im Deutschen Institut für Normung (DIN) e.V. konsensbasiert und in kleinen Arbeitsgruppen erarbeitet, die bei Forschungsprojekten aus dem Konsortium und gegebenenfalls weiteren externen Interessierten zusammengestellt werden. DIN SPECs können jedoch auch direkt von Unternehmen und Organisationen oder von wissenschaftlichen Einrichtungen und Privatpersonen initiiert werden. Ein Beispiel für eine Norm, die auf diesem Weg entstanden ist, ist die DIN SPEC 91331, „Klassifikation von Risiken für internationale Großprojekte“. Diese Norm ist im Rahmen des Sicherheitsforschungsprogramms im Projekt „Innovative Geschäftsmodelle für Sicherheit von Netzversorgungsinfrastrukturen (InnoGeSi.net)“ erarbeitet worden.

         

Entwicklungsbegleitende Normung in der zivilen Sicherheitsforschung

Bei anwendungsorientierten Forschungsprojekten, insbesondere, wenn sie mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, ist der effektive Transfer der Ergebnisse in die Praxis von hoher Bedeutung. So sollte bereits zu Beginn eines Projekts festgestellt werden, welche relevanten Normen und Standards zu einem Thema schon existieren und welche neuen Normen zurzeit auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene bearbeitet werden oder geplant sind.
Vorhaben, die das BMBF im Rahmen des Programms „Forschung für die zivile Sicherheit“ fördert, können bereits bei der Erstellung der Projektskizze ein normungspolitisches Kurzkonzept vorlegen. In diesem Konzept soll der Zusammenhang der angestrebten innovativen Sicherheitslösung mit gültigen Normen analysiert und gegebenenfalls eine Strategie zur Erstellung bzw. Anpassung von relevanten Richtlinien, Standards und Normen skizziert werden.

Dabei sind folgende Leitfragen zu berücksichtigen:

  • Welche bestehenden nationalen, europäischen bzw. internationalen Normen, Standards bzw. Richtlinien sind für die im Forschungsprojekt angestrebten Lösungen relevant?
  • Welche laufenden Normungsinitiativen sind für das Forschungsprojekt von Bedeutung?
  • Inwieweit könnte die spätere Verwertung der angestrebten Projektergebnisse durch die Erstellung bzw. Anpassung von Richtlinien, Standards und Normen unterstützt werden?
  • Besteht ein projektspezifischer Normungsbedarf, der bereits während der Projektlaufzeit im Rahmen einer sogenannten DIN Spezifikation (DIN SPEC) adressiert werden sollte? Wenn ja, welcher?

                      

Europäische und globale Netzwerke für Normung und Standardisierung

Auch auf europäischer Ebene existieren Normen. Ihr Hauptzweck ist es, Handelshemmnisse in der Europäischen Union (EU) zu beheben. Auf europäischer Ebene unterliegt die Normung und Standardisierung der Normungsverordnung (EU 1025/2012) und dem neuen Rechtsrahmen, der die Anwendung von Normen und Standards im europäischen Binnenmarkt und zur Ausgestaltung von Normen festlegt. Ziel ist es, den europäischen Rechtsrahmen als ein einheitliches, widerspruchsfreies europäisches Normenwerk zu gestalten. Um dieses zu etablieren, müssen europäische Normen zwingend in die jeweiligen nationalen Normenwerke der Mitglieder übernommen werden. Die Übernahme internationaler Normen ist hingegen freiwillig.

Die weltweite Normung ist Aufgabe der in der Schweiz ansässigen International Organization for Standardization (ISO).

Inhaltliche Beiträge und die Meinungsbildung zu Normungsprojekten erfolgen immer erst auf nationaler Ebene. Die Abstimmungen zu Normungen werden dann zentral von DIN an die entsprechenden europäischen und internationalen Normungskomitees übermittelt. Durch die Entsendung von Experten in europäische, bzw. internationale Gremien werden die deutschen Interessen beim European Committee for Standardization (CEN), beim European Committee for Electrotechnical Standardization (CENELEC) und bei der International Organization for Standardization (ISO) sowie der International Electrotechnical Commission (IEC) vertreten.

                              

Übersicht zu Normungsgremien für zivile Sicherheit

Die verschiedenen nationalen, europäischen und internationalen Normungsgremien im Bereich zivile Sicherheit unterscheiden sich je nach ihren Schwerpunkten. Brandschutz und Brandmeldeanlagen zum Beispiel enthalten hauptsächlich Normen zur Spezifikation von technischen Anforderungen an Produkte und gegebenenfalls begleitende Dienstleistungen. Darüber hinaus gibt es Normengremien, die stärker den organisatorischen Ansatz für zivile Sicherheit – im Sinne von Security by Design – verfolgen. Hier werden unter anderem Organisationsprozesse für das Krisenmanagement, die Resilienz und das Betreiben und Aufrechterhalten von kritischen Infrastrukturen in Katastrophen genormt. Die Produktnormung zur Unterstützung dieser Prozesse erfolgt dann in Zusammenarbeit mit den oben genannten Gremien.

Hauptansprechpartner zu Fragen der Normung und Standardisierung im Bereich der zivilen Sicherheit ist die Koordinierungsstelle Sicherheitswirtschaft (KoSi) , die 2010 beim DIN eingerichtet wurde. Sie trägt dazu bei, ein abgestimmtes und effizientes Vorgehen bei Normungsthemen aus dem Bereich Sicherheit zu erreichen und die Stellung der deutschen Sicherheitswirtschaft im globalen Kontext sukzessive zu stärken und auszubauen.
Die Koordinierungsstelle Sicherheitswirtschaft fungiert als zentraler Anlaufpunkt für Vertreter der interessierten Kreise, wie zum Beispiel Wirtschaft, gemeinnützige Organisationen, Verbände, Verbraucher, Politik und Wissenschaft. Gleichzeitig stellt die Koordinierungsstelle Sicherheitswirtschaft den Informationsaustausch mit nationalen Ministerien und mit der Europäischen Kommission sicher.

Auf europäischer und auf nationaler Ebene bieten Normungsorganisationen die enge Zusammenarbeit mit Forschungsprojekten an. Für den Security-Bereich sind das europäische CEN/TC 391  „Societal and Citizen Security“ sowie das internationale Gremium ISO/TC 292  „Security and Resilience“ zu nennen.
CEN/TC 391 hat zum Beispiel bereits „Liaisons“ (Verbindung) für den Informationsaustausch mit europäischen Sicherheitsforschungsprojekten etabliert. Zusätzlich hat es sich das CEN/TC 391 zur Aufgabe gemacht, Normen, die im ISO/TC 292 auf internationaler Ebene erarbeitet werden, in das europäische Normenwerk zu übernehmen. Diese werden übersetzt und auch als DIN-Normen veröffentlicht.

Alle Gremien auf europäischer Ebene finden Sie unter: Technical Committees CEN

Entsprechende Ausschüsse auf internationaler Ebene finden Sie unter:
Technical Committees, ISO